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Vom Krankengeld ins Arbeitslosengeld: Nahtlosigkeit und Höhe

Krankheit und Arbeitslosigkeit greifen ineinander. Die wichtigsten Schnittstellen, damit keine Lücke entsteht.

Aktualisiert am · Mottalib Radif · Redaktionelle Grundsätze

Drei Situationen, drei Regeln

Krankheit trifft auf Arbeitslosigkeit in drei typischen Konstellationen: Sie werden nach langer Krankheit ausgesteuert und stehen ohne Job da; Sie sind bereits arbeitslos und werden krank; oder Sie werden gekündigt, während Sie krankgeschrieben sind. Für jede gibt es eine eigene Regel im SGB III und SGB V, und für jede gibt es eine Frist, deren Versäumnis Geld kostet. Diese Seite geht sie der Reihe nach durch.

Aussteuerung nach 78 Wochen

Endet das Krankengeld (78 Wochen innerhalb von drei Jahren wegen derselben Krankheit), melden Sie sich spätestens am ersten Tag danach arbeitslos, auch wenn Sie noch krankgeschrieben sind. Die Agentur zahlt ALG nach der Nahtlosigkeitsregelung und leitet das Reha- bzw. Rentenverfahren ein. Das Arbeitsverhältnis muss dafür nicht beendet sein.

Die Krankenkasse informiert Sie einige Wochen vor der Aussteuerung schriftlich. Nutzen Sie diese Zeit: Melden Sie sich bereits vor dem Ende des Krankengelds arbeitsuchend und stellen Sie den ALG-Antrag online, damit die Zahlung ohne Lücke beginnt. Ohne Meldung fliesst kein Geld, und der Krankenversicherungsschutz läuft nur einen Monat nach (nachgehender Leistungsanspruch), danach droht die freiwillige Versicherung mit vollem Beitrag.

Die Nahtlosigkeitsregelung im Detail

Normalerweise setzt Arbeitslosengeld voraus, dass Sie dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, also mindestens 15 Stunden wöchentlich arbeiten könnten. Wer nach der Aussteuerung noch arbeitsunfähig ist, erfüllt das nicht. § 145 SGB III schliesst die Lücke: Die Agentur zahlt ALG, solange nicht der Rentenversicherungsträger eine verminderte Erwerbsfähigkeit festgestellt hat. Im Gegenzug müssen Sie innerhalb eines Monats nach Aufforderung einen Antrag auf Rehabilitation oder Erwerbsminderungsrente stellen; unterlassen Sie das, endet die Zahlung. Die Agentur darf Sie in dieser Zeit nur in Tätigkeiten vermitteln, die Ihrer Restleistungsfähigkeit entsprechen.

Stellt die Rentenversicherung volle Erwerbsminderung fest, zahlt sie rückwirkend Rente, und die Agentur erhält ihr ALG erstattet. Stellt sie teilweise Erwerbsminderung fest, bleibt das ALG bestehen, wenn Sie mindestens drei Stunden täglich arbeiten können. Lehnt sie den Antrag ab, weil Sie sechs Stunden und mehr arbeiten können, gelten Sie ab diesem Zeitpunkt als voll vermittelbar. Die Nahtlosigkeit verbraucht den ALG-Anspruch ganz normal: Jeder gezahlte Tag ist ein Anspruchstag weniger.

Bemessung nach langer Krankheit

Für das Bemessungsentgelt zählen nur Zeiten mit Arbeitsentgelt. Liegen im Bemessungsrahmen von zwei Jahren weniger als 150 Tage mit Entgelt, greift eine fiktive Bemessung nach Qualifikationsstufe, die deutlich niedriger ausfallen kann. Prüfen Sie den Bescheid.

Der Bemessungszeitraum umfasst normalerweise die letzten zwölf Monate mit Entgelt vor der Arbeitslosigkeit; er wird auf zwei Jahre erweitert, wenn in den zwölf Monaten weniger als 150 Entgelttage liegen. Wer nach sechs Wochen Entgeltfortzahlung 78 Wochen Krankengeld bezogen hat, hat im Zweijahresrahmen oft nur noch wenige Monate mit Lohn. Reichen die 150 Tage aus, wird aus diesen Monaten gerechnet, also aus dem alten, vollen Gehalt – das ist der günstige Fall. Reichen sie nicht, greift § 152 SGB III mit vier Qualifikationsgruppen:

Bruchteile der monatlichen Bezugsgrösse nach § 18 SGB IV; die Beträge sind gerundete Näherungswerte für 2026.
QualifikationsgruppeVoraussetzungBemessungsentgelt (Bruchteil der Bezugsgrösse pro Tag)
1Hochschul- oder Fachhochschulabschluss1/300 (≈ 4.000 € monatlich)
2Meister, Techniker, Fachschulabschluss1/360 (≈ 3.300 €)
3Abgeschlossene Berufsausbildung1/450 (≈ 2.650 €)
4Keine Ausbildung1/600 (≈ 2.000 €)

Für eine Ingenieurin mit früherem Gehalt von 6.000 € bedeutet die fiktive Bemessung in Gruppe 1 einen Rückgang des Bemessungsentgelts um ein Drittel. Deshalb lohnt der genaue Blick auf die 150 Tage: Auch die sechs Wochen Entgeltfortzahlung zu Beginn der Krankheit, Urlaubsabgeltung und Sonderzahlungen zählen als Entgelttage, wenn sie im Zweijahresrahmen liegen.

Krank während des ALG

Melden Sie die Arbeitsunfähigkeit sofort. Die Agentur zahlt bis zu sechs Wochen weiter; danach übernimmt die Krankenkasse Krankengeld in Höhe des ALG, ohne die Anspruchsdauer zu verbrauchen.

Die Meldung muss spätestens am dritten Tag bei der Agentur sein, mit der Bescheinigung des Arztes; seit der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung übermittelt die Krankenkasse die Daten, die Mitteilung an die Agentur bleibt aber Ihre Pflicht. Während der sechs Wochen Leistungsfortzahlung nach § 146 SGB III läuft die Anspruchsdauer weiter. Ab der siebten Woche zahlt die Krankenkasse nach § 47b SGB V Krankengeld in Höhe des zuletzt bezogenen ALG; in dieser Zeit ruht der ALG-Anspruch und bleibt ungeschmälert erhalten. Das Krankengeld endet nach 78 Wochen oder mit der Genesung; danach nehmen Sie den ALG-Bezug mit einer erneuten Meldung wieder auf.

ZeitraumWer zahltHöheAnspruch verbraucht?
Woche 1–6 der KrankheitAgentur für ArbeitALG unverändertja
ab Woche 7 bis Woche 78KrankenkasseKrankengeld = ALGnein
nach GenesungAgentur für ArbeitALG unverändertja
nach 78 Wochen ohne GenesungAgentur (Nahtlosigkeit)ALGja

Gekündigt während der Krankschreibung

Endet das Arbeitsverhältnis, während Sie krankgeschrieben sind, zahlt der Arbeitgeber die Entgeltfortzahlung bis zum Ende der sechs Wochen weiter, auch über das Vertragsende hinaus, wenn die Kündigung wegen der Krankheit erfolgte. Danach zahlt die Krankenkasse Krankengeld in Höhe von 70 % des Brutto, höchstens 90 % des Netto, auf Basis des letzten Gehalts. Das Krankengeld läuft, solange Arbeitsunfähigkeit besteht, unabhängig von der Kündigung. Arbeitslos melden sollten Sie sich trotzdem sofort, damit die Arbeitsuchendmeldung fristgerecht ist; das ALG beginnt dann nach dem Ende des Krankengelds ohne Lücke. Wer zuerst Krankengeld und dann ALG bezieht, hat den Vorteil des höheren Krankengelds, das sich am vollen Netto orientiert und nicht an der Pauschale des SGB III.

Reha, Übergangsgeld und Erwerbsminderungsrente

Während einer medizinischen Rehabilitation zahlt die Rentenversicherung Übergangsgeld in Höhe des ALG, wenn Sie vorher ALG bezogen haben. Die Zeit zählt als Versicherungszeit für einen späteren Anspruch. Wird eine Erwerbsminderungsrente bewilligt, endet das ALG; bei teilweiser Erwerbsminderung können beide Leistungen nebeneinander laufen, wobei die Rente auf das ALG angerechnet wird. Bei Ablehnung des Rentenantrags gilt der Widerspruch, und die Nahtlosigkeit läuft weiter, bis über den Widerspruch entschieden ist.

Checkliste für den Übergang

  1. Schreiben der Krankenkasse zur Aussteuerung aufbewahren, Datum notieren.
  2. Sofort arbeitsuchend und spätestens am ersten Tag nach Krankengeldende arbeitslos melden, auch online.
  3. ALG-Antrag mit Hinweis auf § 145 SGB III stellen; ärztliche Bescheinigung über das Restleistungsvermögen beilegen.
  4. Innerhalb der Monatsfrist Reha- oder Rentenantrag stellen, wenn die Agentur dazu auffordert.
  5. Bescheid prüfen: Bemessungszeitraum und Zahl der Entgelttage kontrollieren, bei fiktiver Bemessung Qualifikationsgruppe prüfen.
  6. Im Rechner das frühere Gehalt eintragen, um den Bescheid nachzuvollziehen.

Häufige Fragen

Bekomme ich ALG, wenn ich beim Ausscheiden krank bin?

Ja, über die Nahtlosigkeitsregelung (§ 145 SGB III): Wer nach Ende des Krankengelds noch nicht wieder arbeitsfähig ist, erhält ALG, wenn er sich der Vermittlung im Rahmen seiner Restleistungsfähigkeit zur Verfügung stellt. Die Agentur fordert Sie dann zum Reha- oder Rentenantrag auf.

Was passiert, wenn ich während des ALG krank werde?

Die ersten sechs Wochen zahlt die Agentur für Arbeit das Arbeitslosengeld unverändert weiter — die sogenannte Leistungsfortzahlung im Krankheitsfall. Diese Zeit verbraucht Ihren Anspruch. Dauert die Arbeitsunfähigkeit länger, übernimmt die Krankenkasse und zahlt Krankengeld in Höhe des zuletzt gezahlten Arbeitslosengeldes; der ALG-Anspruch ruht dann und wird nicht weiter aufgezehrt.

Zählt die Krankengeldzeit für den ALG-Anspruch?

Ja. Zeiten mit Krankengeldbezug sind Versicherungspflichtzeiten und zählen damit für die Anwartschaft von zwölf Monaten, die über den Anspruch entscheidet. Sie verlängern die Rahmenfrist von 30 Monaten allerdings nicht. Wer also lange krank war, sollte prüfen, ob die zwölf Monate innerhalb dieses Fensters noch zusammenkommen — hier scheitern Anträge häufiger, als man denkt.

Muss ich mich arbeitslos melden, obwohl ich krankgeschrieben bin?

Ja, und zwar spätestens am ersten Tag nach dem Ende des Krankengeldbezugs. Eine bestehende Krankschreibung hindert die Meldung nicht: Die Agentur nimmt die Arbeitslosmeldung auch bei Arbeitsunfähigkeit entgegen, und über die Nahtlosigkeitsregelung kann sogar Arbeitslosengeld gezahlt werden, solange Sie im Rahmen Ihrer Restleistungsfähigkeit zur Verfügung stehen. Versäumte Tage werden nicht nachgezahlt.

Wie hoch ist das Krankengeld während des ALG-Bezugs?

Genau so hoch wie das Arbeitslosengeld, das Sie zuletzt erhalten haben — die Krankenkasse übernimmt den Betrag unverändert, es gibt keine Neuberechnung nach dem früheren Arbeitsentgelt. Gezahlt wird längstens 78 Wochen wegen derselben Krankheit innerhalb von drei Jahren, wobei die sechs Wochen Leistungsfortzahlung durch die Agentur bereits angerechnet werden.

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Quellen

Mottalib Radif

Verfasst von Mottalib Radif

MBA INSEAD · Ingenieur (Mines Saint-Étienne) · Persönliche Finanzen und Sozialrecht

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Stand 2026, zuletzt aktualisiert am 2026-09-16