Sperrzeit beim Arbeitslosengeld: Dauer, Gründe, Vermeidung
Zwölf Wochen ohne Geld und ein Viertel weniger Anspruch: Die Sperrzeit ist die teuerste Regel des SGB III. So vermeiden Sie sie.
Aktualisiert am · Mottalib Radif · Redaktionelle Grundsätze
Was eine Sperrzeit ist
Die Arbeitslosenversicherung zahlt für ein Risiko, das der Versicherte nicht selbst herbeigeführt hat. Wer seine Arbeitslosigkeit ohne wichtigen Grund selbst verursacht oder ihre Beendigung verhindert, wird nach § 159 SGB III für eine bestimmte Zeit von der Leistung ausgeschlossen. Die Sperrzeit ist keine Strafe im rechtlichen Sinn, sondern eine Verteilung des Risikos: Für die Wochen, die Sie selbst zu verantworten haben, springt die Versichertengemeinschaft nicht ein. Sie beginnt mit dem Tag nach dem Ereignis, das sie auslöst, also meist am Tag nach dem Ende des Arbeitsverhältnisses, und läuft unabhängig davon, ob Sie sich schon arbeitslos gemeldet haben.
Sperrzeittatbestände
| Grund | Dauer | Wirkung auf Anspruch |
|---|---|---|
| Arbeitsaufgabe (Eigenkündigung, Aufhebungsvertrag) ohne wichtigen Grund | 12 Wochen | Kürzung um ¼ der Gesamtdauer, mind. 12 Wochen |
| Verhaltensbedingte Kündigung durch den Arbeitgeber | 12 Wochen | Kürzung um ¼ der Gesamtdauer, mind. 12 Wochen |
| Ablehnung eines zumutbaren Jobangebots | 3 / 6 / 12 Wochen (1., 2., 3. Mal) | Kürzung um die Sperrzeit |
| Unzureichende Eigenbemühungen | 2 Wochen | Kürzung um 2 Wochen |
| Abbruch oder Nichtantritt einer Massnahme | 3 / 6 / 12 Wochen | Kürzung um die Sperrzeit |
| Meldeversäumnis (Termin nicht wahrgenommen) | 1 Woche | Kürzung um 1 Woche |
| Verspätete Arbeitsuchendmeldung | 1 Woche | Kürzung um 1 Woche |
Die Sperrzeit wegen Arbeitsaufgabe ist mit Abstand die häufigste und teuerste. Sie trifft nicht nur die Eigenkündigung, sondern auch den Aufhebungsvertrag, die einvernehmliche Beendigung im Kündigungsschutzprozess und die verhaltensbedingte Kündigung, wenn Sie den Anlass gesetzt haben – etwa durch wiederholtes unentschuldigtes Fehlen. Eine betriebsbedingte oder personenbedingte Kündigung des Arbeitgebers löst dagegen nie eine Sperrzeit aus.
Wichtige Gründe, die eine Sperrzeit verhindern
Eine Sperrzeit tritt nicht ein, wenn Sie für Ihr Verhalten einen wichtigen Grund hatten. Das Gesetz definiert ihn nicht; die Bundesagentur hat in ihren Fachlichen Weisungen und die Sozialgerichte in jahrzehntelanger Rechtsprechung Fallgruppen entwickelt. Anerkannt sind unter anderem:
- Drohende betriebsbedingte Kündigung mit Abfindung von 0,25 bis 0,5 Monatsgehältern pro Beschäftigungsjahr beim Aufhebungsvertrag, wenn die ordentliche Kündigungsfrist eingehalten wird. Diese Regel ist der wichtigste Ausweg in der Praxis.
- Umzug zum Ehe- oder Lebenspartner, wenn ein Pendeln nicht zumutbar ist; bei nichtehelichen Partnern nur, wenn eine Ehe oder eingetragene Partnerschaft bevorsteht oder gemeinsame Kinder betreut werden.
- Betreuung von Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen, wenn keine andere Betreuung organisierbar ist.
- Mobbing, sexuelle Belästigung, Gesundheitsgefährdung, ärztlich bescheinigte Unzumutbarkeit der bisherigen Tätigkeit.
- Lohnrückstände über mehrere Monate oder erhebliche Vertragsverstösse des Arbeitgebers, nach vorheriger Abmahnung.
- Feste Zusage eines neuen Arbeitsplatzes, der dann nicht zustande kommt, ohne dass Sie das zu vertreten haben.
- Berufliche Weiterbildung oder Umschulung in Abstimmung mit der Agentur.
Nicht ausreichend sind schlechtes Betriebsklima, Unzufriedenheit mit dem Gehalt, allgemeine Überlastung ohne Attest oder der Wunsch nach einem Sabbatical. Die Beweislast liegt bei Ihnen: Wer sich auf einen wichtigen Grund beruft, muss ihn belegen, idealerweise vor der Kündigung schriftlich dokumentieren.
Der Aufhebungsvertrag: die grösste Falle
Ein Aufhebungsvertrag wird von der Agentur grundsätzlich wie eine Eigenkündigung behandelt, weil Sie an der Beendigung mitgewirkt haben. Seit 2017 gilt aber eine Vermutungsregel aus den Fachlichen Weisungen: Die Agentur prüft die Rechtmässigkeit der drohenden Kündigung nicht, wenn vier Bedingungen erfüllt sind. Erstens hat der Arbeitgeber eine betriebsbedingte Kündigung zum selben Zeitpunkt angekündigt. Zweitens wird die ordentliche Kündigungsfrist eingehalten. Drittens liegt die Abfindung zwischen 0,25 und 0,5 Monatsgehältern pro Beschäftigungsjahr. Viertens ist der Arbeitnehmer nicht unkündbar. Liegt die Abfindung darüber, etwa bei 0,8 Monatsgehältern, ist nicht automatisch alles verloren; dann prüft die Agentur, ob die Kündigung tatsächlich rechtmässig gewesen wäre, und das dauert.
Ein zweiter Punkt: Wird im Aufhebungsvertrag ein früheres Ende vereinbart als die Kündigungsfrist zulässt, ruht der Anspruch nach § 158 SGB III zusätzlich für die Zeit, die die Frist gedauert hätte, weil ein Teil der Abfindung als Entgelt für diese Zeit gilt. Das Ruhen kommt zur Sperrzeit hinzu und kann die Zahlung um weitere Monate verschieben. Lassen Sie jeden Aufhebungsvertrag vor der Unterschrift prüfen, im Zweifel bei der Agentur selbst, die dazu Auskunft geben muss.
Was die Sperrzeit kostet
Die zwölf Wochen sind nur der sichtbare Teil. Nach § 148 SGB III mindert sich die Anspruchsdauer zusätzlich um ein Viertel der Gesamtdauer, mindestens um die zwölf Wochen selbst. Bei einem Anspruch von 12 Monaten bleiben also 9 Monate, von denen die ersten drei Monate nicht ausgezahlt werden, wenn die Sperrzeit vollständig in den Anspruch fällt. Bei 24 Monaten Anspruch verlieren Sie 6 Monate.
| Anspruch | Kürzung (¼) | Verbleibender Anspruch | Verlust bei 1.500 € ALG |
|---|---|---|---|
| 6 Monate | 12 Wochen (≈ 3 Monate) | 3 Monate | 4.500 € |
| 12 Monate | 3 Monate | 9 Monate | 4.500 € |
| 15 Monate | 3,75 Monate | 11,25 Monate | 5.625 € |
| 18 Monate | 4,5 Monate | 13,5 Monate | 6.750 € |
| 24 Monate | 6 Monate | 18 Monate | 9.000 € |
Dazu kommen die fehlenden Rentenbeiträge und in der ersten Sperrzeitwoche eine Lücke im Krankenversicherungsschutz, die nur durch den nachgehenden Leistungsanspruch der alten Kasse gedeckt ist. Ab dem zweiten Monat der Sperrzeit übernimmt die Agentur die Beiträge wieder.
Verkürzte Sperrzeiten
Die zwölf Wochen sind nicht in Stein gemeisselt. Nach § 159 Abs. 3 SGB III verkürzt sich die Sperrzeit wegen Arbeitsaufgabe auf drei Wochen, wenn das Arbeitsverhältnis innerhalb von sechs Wochen nach dem Ereignis ohnehin geendet hätte, und auf sechs Wochen, wenn es innerhalb von zwölf Wochen geendet hätte. Wer einen befristeten Vertrag mit Restlaufzeit von zwei Monaten selbst kündigt, riskiert also sechs statt zwölf Wochen. Ausserdem verkürzt sich die Sperrzeit auf sechs Wochen, wenn zwölf Wochen nach den Gesamtumständen eine besondere Härte wären, etwa weil Sie sich über die Folgen geirrt haben und die Agentur Sie nicht beraten hat.
Sperrzeit und Kündigungsschutzklage
Endet ein Kündigungsschutzprozess mit einem Vergleich, gilt das nicht als Arbeitsaufgabe, wenn der Arbeitgeber gekündigt hatte und der Vergleich die Kündigung nur bestätigt. Enthält der Vergleich aber eine Vorverlegung des Beendigungszeitpunkts oder eine Abfindung, die eindeutig für den Verzicht auf die Klage gezahlt wird, prüft die Agentur wieder. Auch hier gilt: Die Kündigungsfrist muss gewahrt bleiben, sonst droht das Ruhen nach § 158.
Beispiel
Anspruch 12 Monate, Eigenkündigung ohne wichtigen Grund: 12 Wochen Sperrzeit, Anspruch auf 9 Monate gekürzt. Bei 1.500 € ALG ein Verlust von 4.500 €. Mit einem korrekt gestalteten Aufhebungsvertrag – betriebsbedingter Anlass, Frist eingehalten, Abfindung 0,4 Monatsgehälter pro Jahr – wäre er vermeidbar gewesen. Im ALG-Rechner können Sie die Sperrzeit aktivieren und sehen sofort, was sie Sie kostet.
So gehen Sie vor
- Vor jeder Eigenkündigung: schriftlich prüfen lassen, ob ein wichtiger Grund vorliegt, und ihn dokumentieren.
- Beim Aufhebungsvertrag: Kündigungsfrist einhalten, Abfindung im Korridor 0,25 bis 0,5, betriebsbedingten Anlass in den Vertrag aufnehmen.
- Nach Erhalt des Sperrzeitbescheids: innerhalb eines Monats Widerspruch einlegen und Belege nachreichen. Viele Sperrzeiten werden im Widerspruchsverfahren aufgehoben oder verkürzt.
- Während der Sperrzeit: aktiv bewerben und Termine wahrnehmen, um keine weitere Sperrzeit zu riskieren – ab 21 Wochen erlischt der Anspruch ganz.